Green Day: „Ich bin nicht die Stimme einer Generation“
Wer Green Day besuchen möchte, muss in San Francisco über die Bay Bridge nach Oakland fahren, eine Weile durch ein heruntergekommenes Industriegebiet kurven und schließlich vor einem mit Stachehldraht und hohen Mauern geschütztem Gelände halt machen. Hier haben die 36 und 37 Jahre alten Billy Joe Armstrong, Mike Dirnt und Tre Cool, die in Oakland aufwuchsen und vor über 20 Jahren in einem Jugendclub die erste Punkband gründeten, ihr Hauptquartier. Innen drin sieht es ein bisschen aus wie in einem asiatischen Regenwald, es gibt viel Holz, aber auch Hantelbänke und Tischtennisplatte.
Und an der Eingangstür zur Bandküche klebt ein großes Poster mit Barack Obama drauf. Über die Bemerkung, dass dort eigentlich dieser ungeliebte Vorgänger hängen sollte, dessen Wirken und Wesen sehr maßgeblich zum Triumph des fünf Jahre alten Green-Day-Albums „American Idiot“ beigetragen hat, können Sänger Billy Joe und Bassist Mike Dirnt komischerweise gar nicht lachen.
Billy, bist du George W. Bush insgeheim dankbar? Schließlich hat er „American Idiot“ inspiriert und wesentlich zu seinem Erfolg beigetragen.Billy Joe: Das mag alles sein, aber: Nein! Wirklich nicht. Bush danken? Das wäre mir ein paar Nummern zu billig.
Mit wem verbringst du mehr Zeit? Mit deiner Band oder mit deiner Frau?Billy Joe. Mit meiner Frau. Eindeutig. Ich meine, ich schlafe mit ihr. Während ich mit Tre und Mike nicht schlafe.
Adrienne und Du, ihr seid schon über 15 Jahre zusammen. Eure Beziehung ist – nicht nur für Rockstarverhältnisse – ungewöhnlich stabil. Was ist euer Geheimnis?Billy Joe: Eine verdammt lange Zeit, ich weiß. Aber ein Geheimnis gibt es nicht. Außer dem größten Geheimnis überhaupt, der Liebe. Adrienne ist meine allerengste Verbündete. Sie ist auch ein sehr gutes Barometer, was meine Songs angeht. Sie hat einen anderen Abstand und einen anderen Zugang zu unserer Musik. Sie sagt mir immer ziemlich objektiv und ehrlich, was sie von unseren Liedern hält.
Eure gemeinsamen Söhne Joseph und Jakob sind 14 und 10. Wie sehr halten die beiden dich jung?Billy Joe: Ich finde es gerade wahnsinnig spannend, wie mein Älterer sich durch die Pubertät bewegt. Ich glaube, ein Jugendlicher zu sein ist heute anstrengender und komplizierter als zu meiner Zeit vor 20 Jahren. Das Internet hat so dermaßen die Kontrolle darüber gewonnen, wie die Kids ihr Leben leben, dass mich das fast ein wenig ängstigt.
Du selbst warst ein ziemlich wilder Jugendlicher, der mit dem Kopf durch die Wand wollte, oder?Billy Joe: Schon. Ich war ein kleiner Rebell. Meine Jungs sind aber nicht so. Sie sind irgendwie...klüger und abgebrühter als ich in dem Alter. Ihre Welt ist deutlich größer als es meine Welt der Punkläden und Jugendzentren hier in Oakland und nebenan in Berkeley damals war.
Euer letztes Album „American Idiot“ läuft demnächst als Musical, erst ab Anfang September im „Repertoire Theatre“ in Berkeley, später am Broadway in Manhattan. Was hat das denn bitte noch mit Punk zu tun?Mike Dirnt: Nichts. Obwohl, andererseits ist es Punk, Sachen zu machen, die niemand von einem erwartet. Und ein Musical ist wirklich krass, das gebe ich gerne zu. Eine vollkommen andere Welt. Aber wir finden die Idee toll und sind ganz hingerissen. Michael Mayer, der Regisseur des Stücks „Spring Awakening“ wird „American Idiot“ inszenieren. Ich denke, dieses Musical ist etwas für Leute, die normalerweise nichts für Musicals übrig haben. Es wird jung, relevant, gewalttätig, sexy und gefährlich.
Die meisten Leute laden sich ihre Musik inzwischen am liebsten bei den Youtubes und Itunes dieser Welt herunter. Und ihr geht her und veröffentlicht mit „21st Century Breakdown“ ein monumentales, 18 Songs und rund 70 Minuten langes sowie alle erdenklichen Musikstile umfassendes Konzeptalbum. Habt ihr eigentlich den Verstand verloren?Billy Joe: Ich schreibe Songs, als ob mein Leben von ihnen abhinge. Das letzte Album, „American Idiot“ hat uns diese Möglichkeit gegeben. Die Möglichkeit, ein weiteres wirklich kraftvolles und ambitioniertes Album aufzunehmen. Diese Chance wollten wir dieses Mal nicht verstreichen lassen. Wir mussten unsere Unsicherheiten überwinden und wirklich weit ausholen, um diese Platte zu stemmen. Aber das war auch unsere Motivation. Wir hatten keine Lust, uns noch einmal vor dem Erfolg zu verstecken, so wie wir es mit unseren Alben Ende der Neunziger gemacht haben. Ich kann es inzwischen nachvollziehen, wenn Leute sagen, wir hätten nach „Dookie“ (dem Durchbruchsalbum mit „Basket Case“, 1994, d. Aut.) den Schwanz eingezogen. Wir stehen dazu, was wir aus Green Day gemacht haben.
Mike Dirnt: Wenn du auf dem Gipfel stehst, dann ist das letzte, was du willst: Wieder runterzuklettern. Wir hatten Angst, auf „21st Century Breakdown“ zu versagen und haben uns eine Zeit lang einen abgebrochen. Aber wir wollten nicht klein beigeben.
Was bedeutet euch, die ihr lange Jahre zum Anti-Establishment gehört habt, der riesige Erfolg?Mike: Als richtiger Rebell brauchst du Gehirn und die Fähigkeit und den Willen, etwas zu machen. Vor langer Zeit haben mir Menschen gesagt, ich würde es nicht packen, ich sei ein Versager. Bis heute spornt mich dieses Urteil an.
Der rote Faden des Albums sind die Charaktere Christian und Gloria. Ist es leichter für dich, über deine Gefühle zu schreiben, wenn du das aus der Sicht fiktiver Personen tust?Billy Joe: Schon, ja. Ich denke zudem, dass die meisten anderen Menschen interessanter sind als ich. Figuren wie Gloria und Christian geben einem Song Fleisch und Blut. Gloria ist irgendwo ein Opfer der Realität, während Christian die Realität ablehnt und alles zerstört, sich selbst eingeschlossen.
In „Horseshoes and Handgrenades“ singst du „I am gonna drink, fight, fuck and push my luck“. Hast du als einer der größten Rockstars des Planeten noch Zeit, die Sau rauszulassen?Billy Joe: Ein bisschen Zeit für Exzesse muss immer da sein. Ich bin aber vorsichtig geworden. Verantwortungsbewusst mir selbst und meiner Familie gegenüber.
In „Restless Heart Syndrome“ kritisierst du, dass die Menschen Tabletten genauso selbstverständlich konsumieren wie Cola. Was ist denn deine Droge?Billy Joe: Inzwischen mag ich am liebsten Rotwein. Und Pillen nehme ich schon seit vielen Jahren nicht mehr, ich finde das wirklich erschreckend, was die mit einem manchen können. Medikamente killen deine Gefühle. Schlaftabletten, Beruhighungspillen und dergleichen werden damit angepriesen, dass sie deine Alpträume töten. Stattdessen killen sie deine Träume und machen dich zum Zombie.
Wann warst du das letzte Mal besoffen?Billy Joe: Vorgestern (lacht).
Ihr habt drei Jahre gebraucht, um dieses Album zu schreiben und mit Hilfe von Butch Vig aufzunehmen. Kann man es sich als Herkulesaufgabe vorstellen, den Nachfolger des 12 Millionen mal verkauften „American Idiot“ zu vollenden?Billy Joe: Kann man. „21st Century Breakdown“ hat uns viel mehr abverlangt, war viel schwieriger umzusetzen als „American Idiot“. Ursprünglich hatten wir die Idee, einen Animationsfilm mit uns selbst als Hauptfiguren zu drehen und dann den Soundtrack dazu zu schreiben. Haben wir dann aber doch nicht gemacht. Stattdessen haben wir uns aufgemacht, neue kreative Höhen zu erklimmen und the best fucking songs zu schreiben, die zu schreiben wir in der Lage waren. Das hat dann gedauert.
Die Songs sind sehr musikalisch und melodisch geraten. Manches erinnert an Bruce Springsteen, an die Beatles und sogar an Meat Loaf.Mike: Vor allem erinnert mich vieles bei uns an Springsteens Alben „Born to Run“ und „Thunder Road“. Springsteens Songs sind Landschaften, sie sind groß und nehmen dich mit auf eine emotionale Reise. Ähnliches hatten wir auch im Sinn.
Aber Springsteen ist nicht der einzige Einfluss.Mike: Nein. Das liegt daran, dass wir zu allen unseren Einflüssen stehen und es sehr genießen, mit einer großen Farbpalette zu malen. John Lennon, Queen, Bob Marley, U2, The Clash und viele mehr. Songs sind das Ergebnis von Geduld und Konzentration. Du weißt nie, wann dir ein Song sanft auf die Schulter klopft oder wann er dir mit einem Holzklotz auf den Hinterkopf schlägt. Meine Songideen habe ich überall – beim Gitarrespielen, in der Dusche, auf dem Klo oder beim Spazierengehen.
Oakland wirkt nicht wie eine Spaziergehstadt.Mike: Das kommt darauf an, wo du bist. Drüben, drei Meilen von hier am College in Berkeley, ist es richtig nett und gemütlich.
Könntest du dir vorstellen, Oakland zu verlassen?Billy Joe: Ich würde gerne mal in New York City leben. Aber: Meine ganzen Freunde und die Verwandschaft ist hier. Die Kinder gehen in Oakland zur Schule, da sollen sie auch bleiben.
Die zentrale Zeile im Titelsong „21st Century Breakdown“ lautet: „My Generation is zero. I never made it as a Working Class Hero“. Ist das nicht ein verdammt dunkler Blick aufs Leben?Billy Joe: Das solltest du etwas differenzierter sehen. In dem Song geht es um den Amerikanischen Traum, der besagt, dass du es schaffen kannst, wenn du wirklich willst und dich anstrengst. Die Gesellschaft trivialisiert diesen Traum unserer Urväter zusehends. Heute geht es nur noch darum, den nächsten Lotto-Jackpot zu gewinnen und stumpf reich zu werden. Mir ist das zu wenig. Ich vermisse das Streben der Menschen, besser zu werden, sich zu perfektionieren, hungrig zu sein.
Hast du deinen Traum denn wahr gemacht?Billy Joe: Zu hundert Prozent. Ich bin der glücklichste Junge der Welt. Ich liebe meine Band und meine Arbeit. Gäbe es Green Day nicht, würde ich Teller waschen.
Ist dir die Gesellschaft, gerade in der aktuellen Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs, zu materialistisch?Billy Joe: Nein, ich denke nicht, dass sie das ist. Ich habe nichts gegen Wohlstand. Diese Jagd nach Geld reitet unser Land zwar regelmäßig in die Scheiße. Aber sie hilft auch, uns anschließend wieder aus der Scheiße rauszuholen. Amerika ist sehr einfallsreich, wenn es darum geht, Reichtum zu mehren. Wohlstand sollte jedoch nur ein Teilaspekt sein, eine Gesellschaft geht kaputt, wenn sie ausschließlich auf Geld aufgebaut ist. Ich bin aber nicht pessimistisch. Wir haben jetzt unseren ersten afroamerikanischen Präsidenten bekommen, das ist eine Riesensache. Und es bedeutet, dass die Stimmen und Begehrlichkeiten der Menschen auf Dauer nicht ignoriert werden.
Was wird Obama bringen? Die Welt retten?Billy Joe: Die Welt wird er nicht retten, schon gar nicht alleine. Aber er ist das Beste, was Amerika in sehr langer Zeit passiert ist. Jede Woche bringt eine neue Krise, eine neue Katastrophe. Doch letztlich ist die zentrale Aussage des ganzen Albums: Es gibt Licht am Ende des Tunnels.
Ist Billy Joe Armstrong 2009 das, was Bruce Springsteen in den 80ern oder Bob Dylan in den 60ern war?Billy Joe: Das überfordert mich. Ich möchte nicht die Stimme einer Generation sein. Mit solch einem Etikett würde ich mich unwohl fühlen. Ich möchte nur für mich sprechen. Wenn die Menschen in meinen Songs für sich etwas entdecken, dann ist das alles, was ich mir wünsche.
Steffen Rüth
Bewertung
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Kommentare
Obama ist unendlich mal besser als Georg W. Busch......ich hass den
You know Musik to me is the Blood that pumps threw my vains
THAT KEEPS ME ALIVE
Ich mag gar keine Politiker oder Präsidenten :x
Welcher hat den schon wirklich was verändert?
Y'know?! :)
hey...
oh mann!!! Die leute sind ja soo dumm!! BillIE Joe NICHT billy joe! Oh gott leute!! Naja... aber wie geil alter! ich würde gerne Joseph oder JAcob ODER Adrienne Armstrong heißen!!
euer rießiger Green Day-Fan Anita
Green Day, sie sind einfach...der Hamma..nein das ist untertrieben...sie sind...ähm... unbeschreiblich gut!!!
Anitaaa
JAKOB!
Die leute sind so dumm!!! ;)
Y'know?! :)
So süß, was er über Adrienne sagt :D Sie sind das beste Paar ♥
On my own. Here we go. <3
Green day is einfach die beste band wos gibt ... billy talent oder so sind nichts gegen green day. würd gern mal green day treffen:D also live sin die jah schon voll cool drauf ... nächstes jahr-> oakland ich komme! :)
Wann warst du das letzte mal besoffen ?
Billie: Vorgestern (lach)
beste Stelle xD
Guys hate to fight, girls think it's therapy