Die Paten des Poppunk

Die Paten des Poppunk

Ganz und gar nicht mehr die Alten sind Green Day. Zwar liegt die Vermutung nahe, dass viele Fans der ersten Stunde mittlerweile auch erwachsen geworden sind und deshalb ihr neuestes Album American Idiot vor allem deshalb von allen Seiten so abgefeiert wird, weil es viele an die eigene Jugend erinnert, doch ist das Album einfach auch verdammt gut geworden. So gut, dass Schlagzeuger Tré Cool nur so strotzt vor Selbstvertrauen in das eigene Werk. Doch lest am besten selbst, was er uns am Rande der einzigen Deutschlandshow in Bochum in der Zeche zu sagen hatte.

AN: Siehst du das Album mehr als ein Comeback oder einfach nur das nächste Album mit einer etwas längeren Pause?

Tré: Ich denke, das ist Green Days Durchbruch-Album. Das ist quasi unser Back In Black oder Quadrophenia. In den frühen Neunzigern haben wir ein Genre mitbegründet, das sich Poppunk nennt und andere Bewegungen wie Grunge bei weitem überlebt hat. Es wurde halt fortgeführt von Bands wie Good Charlotte oder Blink 182 und tausenden von anderen großartigen Poppunk-Bands. Wir selbst haben aber gedacht, dass es Zeit sei für uns diesem Genre irgendwie zu entfliehen, hatten wir als Paten desselben doch schon genug für dieses getan und wollten uns eher in eine Riege mit Bands wie The Clash oder die Rolling Stones einordnen.

AN: Warst du denn überrascht vom enormen Erfolg von American Idiot?

Tré: Ich hatte schon gedacht, dass diese Platte ein Meisterwerk werden würde, hatte aber zur gleichen Zeit nicht wirklich Vertrauen in die amerikanische Öffentlichkeit und, dass sie es jetzt auch sofort verstehen würden. Vielleicht in fünf Jahren würde es als ein ungeheuer wichtiges Album angesehen werden, aber, dass es überall auf der Welt auf Platz eins in die Charts einsteigt, ist für mich schon eine große Überraschung.

AN: Wie lange habt ihr an dem Album gearbeitet und war die Idee von Anfang an da, ein Konzeptalbum aufzunehmen?

Tré: Ich glaube, dieses Album ist schon seit Ewigkeiten in unseren Köpfen gewesen, weil wir schon immer sowas machen wollten. Aber wir lassen uns mit den Dingen immer Zeit. Time Of Your Life zum Beispiel wurde auch vier Jahre vor seiner Veröffentlichung geschrieben, weil die Zeit vorher einfach nicht reif für dieses Lied war. Bei dieser Platte wussten wir, dass wir was Großes und Ambitioniertes machen mussten und nicht einfach noch einmal Dookie aufnehmen konnten. Es musste etwas komplett Neues sein, das nicht in den üblichen Green Day Rahmen passte, durch den wir früher erfolgreich waren.

AN: War es für dich persönlich einfach Rock´n´Roll Girlfriend zu schreiben?

Tré: Lustig, dass du danach fragst. Es kam eigentlich ganz natürlich, weil ich ihn sehr ehrlich und direkt geschrieben habe und auch nie daran dachte, dass überhaupt jemand den Song zu Gehör bekommen sollte. Deshalb spreche ich auch so direkt über meine beiden Ex-Frauen und meine Freundin, die jetzt auch nicht mehr meine Freundin ist, dafür aber heute Abend bei The Donnas spielt (lacht).

AN: Der Song ist sehr straight und nahezu klassischer Punkrock. War er als Gegenstück zum Rest des Albums gedacht?

Tré: Wir haben eigentlich so angefangen, dass Mike einen 30-Sekunden Stück geschrieben hat, dann Billie, dann ich eins, das nicht auf die Platte kam, dann machte Billie wieder eins, dann Mike und dann ich wieder. Das haben wir dann beibehalten, weil es wirklich Spaß gemacht hat und es wurde halt immer ernster, als die Stücke Rock´n´Roll Girlfriend und Nobody Likes You dabei herauskamen. So hatten wir am Ende etwa 10 Minuten Musik, die schon sehr aufregend und spaßig zu spielen war. Unser Produzent war auch schwer begeistert. Also haben wir uns schließlich dazu entschieden, Jesus Of Suburbia zu machen und als dieser fertig war, sind wir zurück zu den Sachen gegangen, die wir zuerst gemacht haben und haben daraus Homecoming erstellt. Ganz schön verwirrend, aber Rock´n´Roll Girlfriend und Nobody Likes You und noch einige andere Teile, die aus den allerersten Aufnahmesessions stammten, haben überlebt.

AN: Wer ist so ein typischer American Idiot?

Tré: Sowas wie ein schlechter Tourist. In Deutschland zum Beispiel seht ihr viele GIs, die wenn sie in die Stadt kommen schnell betrunken und dümmlich wirken. Dazu sind sie oft sehr laut, so einer ist zum Beispiel ein American Idiot. Oder vielleicht der Leiter des Militär und Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika George W. Bush, der der größte Idiot überhaupt ist.

AN: Was passiert denn, wenn ihr in kleineren Städten auf dem Land in den USA spielt? Verstehen die, was ihr sagen wollt?

Tré: Ich glaube schon. Sie sind es leid, dass sie nicht richtig repräsentiert und wie Idioten behandelt werden. Sie wollen nicht dumm sein. Sie wollen zum Beispiel nach Deutschland kommen oder allgemein die Welt sehen, aber sie hängen fest. Es ist wie ein ökonomisches Gefängnis. Du musst dir einen normalen Job suchen, in dem du Zigaretten und Bier verkaufst, einfach um überleben und deine Miete zahlen zu können. Und wenn du mehr arbeitest, dann nur, um eine höhere Miete auszugleichen, was so ein Arbeitskreislauf ist. Amerika ist so groß und es gibt so viele Medien, die nur von ganz wenigen Leuten kontrolliert werden. So werden wir alle zu Werkzeugen derjenigen, die die Macht halten. Und wenn wir dazu geführt werden, etwas zu glauben, ist das nun mal Propaganda. Die Geschichte wiederholt sich, ihr wisst, was hier passiert ist. Das kann überall wieder passieren, deshalb versuchen wir, es zu bekämpfen.

AN: Hast du die Möglichkeit, mit euren Fans über Politik zu sprechen?

Tré: Ja, wir haben in letzter Zeit sehr viel über Politik geredet. Ich sehe uns durchaus auch als Sprachrohr der extremen Linken. Da gibt es dann noch Michael Moore, Fat Mike und eben uns. Natürlich melden sich auch R.E.M. und Bruce Springsteen zu Wort. Dann gibt es Kampagnen wie Vote For Change, Punkvoter.com, Choose Or Lose und ganz viele andere Organisationen, die gerade junge Menschen zum Wählen bringen wollen. Bei dieser Wahl werden die jungen Leute den Ausschlag geben. Wenn man sie angepisst genug bekommt, dass sie in die Wahlkabine gehen und ihr Loch bei der richtigen Person, also John Kerry, machen, bekommt man genug Stimmen gegen Bush.

AN: Was hältst du von Bands, die nicht an so was wie dem Rock Against Bush Sampler teilnehmen, wie The Vandals oder Good Charlotte?

Tré: Von The Vandals habe ich gehört, dass sie konservativ sind und an den Krieg und so weiter glauben, also Fuck That! Aber das ist meiner Meinung nach nur ein Charakterfehler, sie sind deshalb nicht grundsätzlich scheiße. Good Charlotte sind nur eine Popband, die sich als Punkrockband verkleidet. Das sind schon coole Typen, auch Freunde von uns, aber sie wollen einfach nicht ihre Karriere unter Beschuss setzen, dadurch, dass sie kontroverse Statements abgeben. Aber ich finde das okay, weil sich nicht jeder soviel trauen muss wie wir.

AN: Sie sagen beide auch, dass sie es nicht okay finden, jemandem vorzuschreiben, wen er wählen solle.

Tré: Das sollte ja auch trotz allem vertraulich behandelt werden. Man will ja zum Beispiel auch nicht, dass die Eltern die eigene Post öffnen. Das ist einfach heilig. Aber es ist jedem freigestellt, zu erzählen, wen man wählt oder es eben bleiben zu lassen. Ich wähle gegen Bush und nicht für Nader. Damit hast du es.

AN: Du lebst in Oakland. Wie ist die politische Situation dort?

Tré: Sehr links. Es gibt eine große Schwul-/Lesbische- Gemeinschaft und auch eine große afro-amerikanische Gemeinschaft, die meisten bei uns sind sogar Afro-Amerikaner. Ich bin Mitglied der weißen Minderheit, aber als Punk passt man da wunderbar rein. Punks können überall überleben, wir könnten auch in der Bronx oder in Brooklyn zurechtkommen.

AN: Wie würdest du denn die Punk-Szene von vor 20 Jahren im Vergleich zur heutigen einschätzen?

Tré: Das ist schwer, vor 20 Jahren war ich gerade 11 Jahre alt und kam gerade in die Punkrock-Szene mit meiner ersten Band, The Lookouts. Das war schon sehr rau, wir hatten kaum Geld und mussten deshalb Dinge, die man nicht unbedingt als legal bezeichnen würde, tun, um an welches zu kommen. Dieses verwendeten wir dann, um Platten zu veröffentlichen. Es war sehr Underground und der DIY-Gedanke herrschte vor. Jeder redete zu der Zeit über Politik und wirklich niemand konnte mit dieser Musik Geld machen. Wir waren eine der ersten Bands, die damit dann wirklich Kohle verdient haben und als Punkrock-Band Erfolg hatten. Es ist mittlerweile mehr zu einem Geschäft für die Kids geworden, sie denken sich, dass sie in dieser Welt schnell an einen Plattenvertrag kommen müssen und Touren spielen müssen um Geld zu verdienen, was das letzte war, an das wir damals dachten. Es war quasi ein Unfall, dass die Leute unsere Musik mochten. Aber anstatt es zu bekämpfen, haben wir uns dazu entschieden, mitzumachen und die beste Rock´n´Roll-Band der Welt zu werden.

AN: Was hat euer Label von den neuen Songs gehalten?

Tré: Nun, es ist überall auf Platz eins, weswegen ich glaube, dass sie verdammt glücklich sind. Wir lassen sie aber sonst keine eigene Meinung haben. Wir sind Green Day. Wir sind jetzt schon so lange dabei und haben immer wieder Wechsel der Plattenfirma oder der Leute, die für sie arbeiten, mitgemacht. Manchmal haben diese Leute Ahnung von dem, was sie tun und manchmal nicht. Zurzeit sind sie einfach nur glücklich mit uns.

AN: Spielt ihr heute das gesamte Album?

Tré: Nein, das haben wir bisher nur in Los Angeles, New York, Chicago und Toronto gemacht. Das hieß dann auch Green Day Performs American Idiot, wie es auch auf dem Albumcover steht. Das hat auch echt Spaß gemacht und ich glaube, wir werden das mit Sicherheit noch mal machen. Vielleicht in der Royal Albert Hall in London. Nur sehr angesehene Orte, aber das müssen wir sehen. Irgendwo in Europa hoffentlich auch irgendwann. Heute spielen wir nur etwa die Hälfte des Albums.

AN: Glaubst du denn jeder Song des Albums kann auch alleine stehen?

Tré: Ja, sicher. Man kann in diese Platte bei jedem Song einsteigen. Sie ist ein bisschen wie eine Zeitachse des Lebens des Charakters Jesus of Suburbia. Er geht durch die verschiedenen Stufen vom Anfang, zu dem er in einer beschissenen Stadt festhängt und sich deplatziert von allen anderen Leuten, die dort leben, fühlt, über seine Loslösung von seiner Familie, Schule und Religion, hin in die große Stadt, wo er Leute trifft, die an dieselben Dinge wie er glauben. Dort flippt er total aus, feiert viel und nimmt an Aufständen und Demonstrationen teil. Also geht er so seinen Lebensweg, merkt aber, dass ihm etwas in seinem Leben fehlt, trifft dann aber auf den St. Jimmy Charakter, der auf der einen Seite total cool aber auch extrem gefährlich ist und ganz wahnsinnige Ideen hat und deshalb ein schlechter Einfluss ist. Er bringt Drogen, Sex und Gewalt in sein Leben. Er denkt aber immer noch, dass etwas fehlt und trifft dann das Mädchen, das perfekt für ihn ist. Aber er vermasselt es total und endet am Ende wieder alleine in seiner Heimatstadt. Es ist also keine fröhliche Geschichte, aber so kann man sie zusammenfassen. Du kannst aber zu jedem Zeitpunkt in die Geschichte einsteigen. Ich persönlich bin gerade in dem St. Jimmy Kapitel in meinem Leben. Das ist ein Lebensweg, aber es gibt auch Leute in Amerika, die in die Army gehen, weil sie sich für Waffen oder so interessieren. Und das ist ein Fehler, finde ich.

AN: Vor allem in Amerika...

Tré: Aber das ist es nicht alleine. Zurzeit scheint es in Amerika so was wie eine Zwangsrekrutierung aus ökonomischen Gründen für die Armee zu geben, weil die Leute einfach keine andere Zukunft haben außer dadurch, dass sie sich der Army anschließen.

AN: Und sie sind die Menschen, die im Irak gestorben sind.

Tré: Genau, es sind die ersten, die in solche Einsätze geschickt werden. So was wie: Operation Menschlicher Schutzschild, die wichtigen weißen Kids werden natürlich nicht erschossen.

AN: Würdet ihr im Irak spielen, so wie es Blink 182 getan haben?

Tré: Nein, egal was sie getan haben, das geht gegen alles, wofür wir stehen. Wir würden so was nie tun. Wir unterstützen schon diese armen Kids da drüben, insofern, dass wir ihnen alles gute wünschen und hoffen, dass sie nicht durchdrehen und jemanden ermorden. Wir hoffen auch, dass sie, wenn sie da rauskommen, etwas fürs Leben lernen und auf die linke Seite wechseln. So wie mein Dad, der ein Vietnam-Veteran ist. Er wurde eingezogen, bekam also einen Brief, dass er entweder nach Vietnam geht oder ins Gefängnis. Er ist für sein Leben geprägt davon, insofern, dass er jetzt Probleme mit anderen Menschen hat. Er mag es, zusammen mit meiner Mutter zurückgezogen in den Bergen zu leben. Weit weg von allen anderen, will er einfach nur alleine gelassen werden.

AN: Aber er ist stolz auf deine Karriere?

Tré: Er ist stolz auf mich, klar. Er ist ja nicht verrückt, er hat halt nur emotionale Narben davongetragen. Und diesen Kids im Irak wird es ähnlich ergehen, da es dasselbe wie im Vietnam ist. Ein Krieg, der es nicht wert ist, ausgefochten zu werden und wir haben auch nicht das Recht, ihn zu kämpfen.

Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an Torsten Pieske, Moderator der Sendung "Sonic" auf Radio Powerwelle für seine gute Kooperation bei der Durchführung dieses Interviews.

Bewertung

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.8 (4 Bewertungen)

Kommentare

Whatsername17

Ja ja der Tré ist schon ein cooler Typ

Remember, whatever
It seems like forever ago


Aktuelle News

31.01.2012 - 16:32
Der schauspielerische Einsatz für "American Idiot" am Broadway scheint ihm gefallen zu haben: Billie Joe Armstrong wird bald in einer Gastrolle der US-Serie "Nurse Jackie" zu sehen sein. Wie der Hollywood Reporter berichtet, wird der Green-Day-Frontmann in der vierten Staffel der beliebten TV-Serie mitspielen. Dabei wird Billie Joe die Rolle eines Unbekannten übernehmen, den Jackie, die Protagonistin der Serie also, trifft und der in ihrem Leben einen tiefgreifende Veränderung bewirkt...
23.01.2012 - 14:52
In den USA war es bereits ein großer Broadway-Erfolg, ab Oktober geht das Musical "American Idiot" von Green Day nun in Europa auf Tour, genauer: in England. Grund genug also, mal wieder einen kleinen Wochenend-Trip zu unseren britischen Nachbarn zu unternehmen. Erst recht, da die Tour aktuell um eine weitere Woche verlängert wurde und sich nunmehr vom Oktober bis in den Dezember hinein zieht. Dann nämlich macht das Musical in London Halt.
11.01.2012 - 10:41
Punk goes High Fashion: Green Day sind die Stars in der Frühjahrskampagne von US-Modemacher John Varvatos. Damit reihen sich die Kalifornier in eine prominente Riege von Vorgängern ein, die zuvor für Varvatos Modell standen, u. a. The Roots, Cheap Trick, Alice Cooper und Iggy Pop.