Warning
Als GREEN DAY im Jahre 1989 das East Bay Punk Revival anschoben, da klangen sie wie eine durchgeknallte Turboversion der guten alten Buzzcocks, Dickies, Ramones und Beatles. Elf Jahre später legen sie nun mit Warning ihr sechstes Album vor und klingen wie eine durchgeknallte und tiefergelegte Turboversion von den Beatles, Dickies, Ramones und Buzzcocks.
„I wanna be the minority, I don’t need no authority...“, so prescht die erste Single Minority voran und legt damit den roten Faden durch das Album. Denn immer noch üben GREEN DAY vorsätzlich Verweigerung. Dass sie ihren High-Speed-Regler ein wenig heruntergefahren haben, ist dabei überhaupt kein Manko, sondern kommt ihrem Songwriting zugute. Letztlich ist es eine unumstößliche Tatsache, dass sie unter den East Bay-Revivlern, zu denen seinerzeit Operation Ivy, Crimpshrine und Rancid gehörten, die einzigen sind, die nach wie vor eine breite Zuhörerschaft finden, und das liegt mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit durchaus an der Entwicklung, die GREEN DAY seit ihrem Megaseller Dookie durchgemacht haben.
Die Eckdaten der GREEN DAY-Erfolgsstory sind wohlbekannt. Die Wurzeln reichen bis ins Gründungsjahr 1989 in die kalifornische Universitätsstadt Berkeley zu¬rück. Die beiden Schul¬freunde Billie Joe Armstrong und Mike Dirnt taten sich mit Tré Cool zusam¬men und nahmen ihre ersten beiden Singles 1000 Hours und Slappy auf. Be¬reits das erste Album 39/Smooth (1990) machte die Band auch überregional bekannt. Auf Kerplunk (1992) entwarf das Trio dann die Blaupause für den Welterfolg ihres Albums Dookie (1994). Bei den Grammy-Verleihungen 1995 erhielten GREEN DAY dafür den Award für die "Beste Alternative Performance". Konstantes Radio-Powerplay für alle Single-Auskopplungen (und viele Album-Tracks) etablierte die Band als Spitzenreiter ihres Genres im US-Radio. MTV no¬minierte die Band gleich dreimal bei seinen "MTV Awards". Bis heute konnte Dookie sattes 12-faches Platin einspielen. 1995 ließen sie Insomniac folgen, das sich in den US-Charts einen sicheren 2. Platz sicherte, bis sie mit dem 1998er-Album Nimrod. einen gekonnten Schwenk in Richtung Punkabilly und relaxtes Songwriting taten.
Warning schöpft aus diesem Prozess des musikalischen Voranschreitens und wirkt mit seiner Melodik und dem souveränen Songwriting ungleich runder und konsequenter als der Vorgänger Nimrod. „Unser letztes Album war auf seine Art ein Übergang,“ stellt Billie fest. „Wir waren uns damals nicht sicher, in welche Richtung wir gehen wollten. Aber diesmal war mir klar, dass ich jeder kleinen Verletzlichkeit meiner Person eine Chance geben wollte, sich zu äußern. Noch wichtiger war es mir, dass meine beiden Jungs später einmal das Album hören, und sagen: ‚Mein Dad war ein Typ, der ‘ne Menge Hoffnungen hatte.‘“
Und in der Tat ist Hoffnung das durchgängige Thema des Albums. Natürlich gibt es jede Menge Sarkasmus und Rebellion in den Texten, aber wenn Billie in Macys Day Parade singt: „I’m Looking for a brand new hope, the one I’ve never known...“, dann wird klar, dass GREEN DAY den Übergang von bloßer Provokation zu Inhalten gemeistert haben. Die akustischen Gitarren, die übrigens das ganze Album durchziehen, setzen Maßstäbe in Songwriting und Ausdruck - und vermitteln zusätzlich ein Gefühl von Menschlichkeit, die vorher unter der rasanten Punk-Attitude versteckt war.
Hold On, das mit der Mundharmonika die besten Tage der Beatles heraufbeschwört, ist zum Beispiel einem Freund gewidmet, der eine unvorstellbare Reihe von persönlichen Tragödien durchgestanden hat. „A cry of hope, a plea for peace, and my conscience beating“, heißt es im Text, und „As I run to the edge of a shadow of a doubt, with my conscience bleeding, there lies the truth, the lost treasures of youth, as I hold on to the end of day...“ Und natürlich ist Hoffnung jener Jugendschatz, der am schwersten zu halten ist. Vor allem wenn man mit 21 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere stand und mehr als die Hälfte seines Lebens auf Tour verbracht hat. 1988 ging noch alles um Mädchen, im Jahre 2000 geht es um Leben, Familie und Zukunft. Nach 12 Jahren Punkaddiction bleibt eine gewisse Lebenserfahrung nun einmal nicht aus.
Der Erfolg GREEN DAYs beruht seit je darauf, gegen den Strom zu schwimmen. Billie: „Man hat uns immer gern in die Punk-Schublade gesteckt, aber eigentlich passten wir dort nicht wirklich hinein. Wir schrieben Liebeslieder, die vom Herzen kamen, und einige Punk-Kids konnten damit nicht viel anfangen. Aber wahrscheinlich war es das, was Punk an uns war. Wir sangen, wie uns der Schnabel gewachsen war und scherten uns nicht viel darum, was die Leute darüber dachten.“
So stellt sich Warning reifer und vor allem thematisch breiter gefächert dar. Dabei sind GREEN DAY unverkennbar GREEN DAY, die Songs haben die gleiche Power, ihr Sinn für Melodien und Rhythmen hat sich noch verfeinert. Die Arrangements sind verspielt und perfekt, der untrügliche Sinn für Humor gehört nach wie vor zum Gesamt-Outfit der Band.
Und was will man mehr von GREEN DAY, einer Band, die von vornherein geradeaus gespielt hat und nie versuchte etwas zu sein, was sie nicht sein kann. Wenn man sich von seinen eigenen Erwartungen an das ‚neue GREEN DAY-Album‘ gelöst hat, dann wird man feststellen, dass die Band mit Warning musikalisch einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Die Songs sind einfach besser, die Arrangements gekonnter und der Sound, den die Jungs selbst angerichtet haben, stimmiger. Vielleicht werden Billies Kids eines Tages Warning in der Hand halten und sagen: „Das ist Dads bestes Album...“
Trackliste
- Warning
- Blood, Sex And Booze
- Church On Sunday
- Fashion Victim
- Castaway
- Misery
- Deadbeat Holiday
- Hold On
- Jackass
- Waiting
- Minority
- Macy's Day Parade
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